Man sieht sich zum ersten Mal

Ich habe meine Tochter Mi kennengelernt, als sie 12 Jahre alt war. Die erste Begegnung und die folgenden Tage habe ich im Gedächtnis, als sei es gestern erst gewesen. All, meine Frau, hat mir nie verheimlicht, daß da noch eine Tochter vorhanden ist. Sie war in Lopburi geboren worden, der Vater trieb sich irgendwo herum. Aufgewachsen ist sie aber in seiner Familie, und wie sie immer wieder betont, ging es ihr dort gut. Ihren leiblichen Vater hat sie aber nicht kennen gelernt, er hat sich aus der Familie entfernt. Eines Tages waren wir wieder einmal mit einer Reisegruppe unterwegs, und die Route brachte uns auch nach Lopburi. All nahm die Gelegenheit wahr und führte mich zu dieser Familie.

Als wir unangemeldet im Haus der Familie ankamen, wurden wir ausserordentlich freundlich aufgenommen. Mi war gerade mit dem Fahrrad unterwegs. Als sie wenige Minuten nach unserer Ankunft auftauchte, ließ sie das Fahrrad fallen und flog ihrer Mutter an den Hals, und sie kehrte damit das Bild, das ich von thailändischem Verhalten bis dahin hatte, vollkommen um. Mich beäugte sie ein wenig distanziert, grüßte mich aber mit einem kindlichen Wai und lächelte mich dabei an. Es gab natürlich viel zu erzählen, Tochter zu Mutter, Mutter zu Schwiegermutter und den Familienangehörigen. Es schien mir ein gutes Verhältnis zu sein, und das ist auch bis heute noch so.

Am nächsten Tag reisten wir weiter, und es war der Wunsch von Mi, mit uns mitzukommen, und so wurde sie Teil der Reisegruppe. Es war dann in Roi Et. Wir besichtigten gerade Wat Burapapiram und schlenderten ungezwungen zwischen den Mauern des Tempels, als ich merkte, wie sich eine kleine Hand in die meine schob und mich festhielt. Mi, die kleine Tochter meiner Frau, schob sich mit dieser Geste ganz tief in mein Herz. Sie wurde in diesem glücklichen Augenblick meine Tochter.

Nach einigen Tagen mußte sie dann zurück nach Lopburi, denn es war ja Schule. Als ich meine Tochter fragte, ob sie denn einmal zu uns nach Deutschland kommen wolle, sah sie mich mit großen Augen nachdenklich an. Ja, wenn ich dort immer für sie da sei. Das versprach ich ihr.

Und heute dauert dieses immer noch an, heute kam sie nach 32 Jahren wieder darauf zurück.“ Papa, du bist immer noch für mich da, auch jetzt, am ersten Tag meiner Chemotherapie (Anm.: 18.03.2012). Du hast Wort gehalten.“

Und sie nahm meine Hand und hielt sie fest. So wie damals. Einmal noch hielt ich ihre Hand, es war am 24.12.2013.

Aber Chemotherapie: wieso Chemotherapie?